Vom User zum Entwickler
Wie KI und Community die lokale HCU-Integration möglich machten
Ein Blick hinter die Kulissen der Entwicklung der lokalen Home-Assistant-Integration für die Homematic IP Home Control Unit. Nachdem im ELVjournal bereits über die technischen Aspekte der lokalen HCU-Anbindung berichtet wurde, möchte ich heute die Geschichte aus meiner ganz persönlichen Perspektive erzählen. Denn eigentlich war es nie mein Plan, eine der zentralen Integrationen für die neue Home Control Unit zu schreiben.
Der Start: Ein neues Haus und ein „Best of Breed“-Ansatz
Alles begann Anfang 2025. Meine Frau und ich zogen in unser eigenes Haus, und wie es der Zufall wollte, fand ich dort bereits eine solide Basis an Homematic IP Geräten vor, die der Vorbesitzer installiert hatte. Für mich stand schnell fest: Ich möchte das Rad nicht neu erfinden. Die bestehende Hardware für die Heizungssteuerung war zuverlässig und sollte bleiben.
Gleichzeitig wollte ich mein Smart Home modernisieren. Die alte CCU2 tauschte ich gegen die damals nagelneue Home Control Unit (HCU) aus. Doch mein Ansatz für das smarte Zuhause war schon immer „Best of Breed“ – ich wollte die jeweils besten Geräte verschiedener Hersteller nutzen, aber alle unter einer Oberfläche vereinen. Die Wahl für diese „Zentrale der Zentralen“ fiel daher logischerweise auf Home Assistant.
Die Lücke: Warten auf die API
Da die HCU noch sehr frisch auf dem Markt war, wusste ich, dass eine lokale Anbindung an Home Assistant nicht sofort verfügbar sein würde. Zunächst versuchte ich mein Glück über die Cloud-Anbindung, doch diese funktionierte bei mir leider nicht zuverlässig.
Zu diesem Zeitpunkt kursierten bereits Gerüchte über eine kommende lokale API. Ich lehnte mich also entspannt zurück. Meines Erachtens war es nur eine Frage der Zeit, bis „irgendjemand“ – ein erfahrener Entwickler aus der riesigen Community – die Integration bauen würde. Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass dieser „irgendjemand“ ich sein würde.
Der Urlaub und die Neugier
Im Mai wurde die Connect API von eQ-3 veröffentlicht. Da ich den Sommer über längere Zeit im Urlaub war, rechnete ich fest damit, bei meiner Rückkehr bereits erste Community-Lösungen vorzufinden. Doch als ich zurückkam: Nichts.
Aus reiner Neugier dachte ich mir: „Vielleicht probiere ich einfach mal, Kontakt mit der HCU aufzunehmen.“ Ich wollte nur sehen, was passiert. Zu meiner Überraschung konnte ich nach relativ kurzer Zeit eine Verbindung aufbauen. Das Ergebnis war eine output.json, die den Status aller meiner Geräte enthielt. Das war der Moment, in dem es „Klick“ machte: Die Kommunikation mit der HCU war also machbar, und die Daten lagen quasi auf dem Silbertablett für mich bereit.
Programmieren mit dem Co-Piloten
Hier stand ich nun vor zwei Problemen:
- Ich hatte keinerlei Erfahrung in der Entwicklung von Home Assistant Integrationen (Python, Asyncio, die Architektur von HA – alles war Neuland).
- Mein Job spannt mich so sehr ein, dass ich schlicht keine Zeit hatte, mich wochenlang durch Dokumentationen zu wühlen.
Die Lösung für dieses Dilemma war moderne Technologie: Künstliche Intelligenz.
Ich entschied mich, die Integration nicht Zeile für Zeile selbst zu schreiben, sondern die Programmierung maßgeblich durch AI erledigen zu lassen. Ich fungierte eher als Architekt, der die Logik vorgibt und die Ergebnisse prüft.
Das Ergebnis war verblüffend. Bereits nach einem einzigen Abend hatte ich ein MVP (Minimum Viable Product), das stabil einen Handshake mit der HCU aufbaute und die ersten Geräte in Home Assistant sichtbar machte. Einen Abend später konnte ich bereits alle meine Geräte nicht nur sehen, sondern auch steuern.
Vom Experiment zum Community-Projekt
Als ich sah, wie gut dieser „Schnellschuss“ funktionierte, dachte ich mir: „Wenn das für mich klappt, hilft es vielleicht auch anderen.“ Kurzerhand lud ich den Code auf GitHub hoch und meldete mich in zwei Foren an, um Bescheid zu geben: Es gibt da etwas zum Testen.
Die Resonanz war prompt, riesig und überaus positiv. Das hat mich einerseits überrascht, andererseits riesig gefreut. Doch schnell wurde klar: Der Teufel liegt im Detail.
Die Homematic IP Welt ist extrem vielfältig und mir fehlten schlicht die Geräte, um alles zu testen. Nutzer meldeten fehlende Unterstützung für Sensoren, Aktoren oder spezielle Funktionen. Die Komplexität der Integration stieg konstant an. Ich musste mehrmals strukturelle Änderungen am Code vornehmen (Refactoring), damit die Integration mit den wachsenden Anforderungen mithalten konnte.
Ich will ehrlich sein: Das führte auch einige Male zu Updates, die eher Rückschritte waren und Dinge kaputt machten. Aber genau hier zeigte sich die Stärke von Open Source.
Die Kraft der Gemeinschaft
Es dauerte nicht lange, bis sich sehr fähige Leute aus der Community meldeten. Sie warteten nicht nur auf Fixes, sondern nahmen Updates und Weiterentwicklungen in Eigenregie vor. Das war – und ist – großartig. Es nimmt mir eine riesige Last von den Schultern, da die Integration nun nicht mehr nur von meiner begrenzten Zeit abhängig ist.
Der aktuelle Stand in Zahlen
Es ist erstaunlich, was wir in so kurzer Zeit erreicht haben. Ein Blick in den Code der Integration zeigt heute ein beeindruckendes Bild:
- 11 Home Assistant Plattformen: Die Integration deckt mittlerweile fast das gesamte Spektrum ab – von klassischen Lichtern und Rollläden (Light, Cover, Switch) über das Alarmsystem (Alarm Control Panel) und die Heizungssteuerung (Climate) bis hin zu Ereignissen (Event) für Fernbedienungen.
- Über 50 Gerätetypen: Im Code sind mittlerweile Mappings für über 50 verschiedene Gerätetypen hinterlegt. Das reicht von einfachen Schaltsteckdosen bis hin zu komplexen Geräten wie Wettersensoren (Regen, Wind, Sonnenschein) oder Sirenen.
- Komplexe Features: Wir lesen nicht nur Werte aus. Die Integration unterstützt komplexe Funktionen wie den Urlaubs- und Partymodus für Heizgruppen und die Auswahl spezifischer Sirenentöne.
- Sicherheit und Geschwindigkeit: Die Kommunikation läuft vollständig lokal und SSL-verschlüsselt direkt über WebSocket. Das bedeutet: Die eigenen Daten verlassen das Haus nicht, und die Geräte reagieren quasi verzögerungsfrei – sicher und schnell, ganz ohne Cloud.
Ein Blick in die Zukunft
Wir sind noch nicht am Ende. Es gibt noch viele Geräte und Feature Requests, die ich (und die Community) gerne umsetzen möchten. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit der Zeit fast das gesamte Homematic IP Portfolio integriert bekommen.
Vielleicht dient dieser Ansatz sogar als Blaupause für andere Systeme. Die Art und Weise, wie wir mit der HCU kommunizieren, könnte theoretisch auch für Homey oder ioBroker adaptiert werden.
Zunächst liegt mein Fokus aber weiterhin voll auf der Home Assistant Integration – und darauf, mein eigenes Haus Stück für Stück noch smarter zu machen.
Die Integration findet man auf GitHub und sie kann über HACS installiert werden.