Vom Doppelspaltexperiment zum Quantencomputer – Teil 1
Von Wellen und Teilchen zur Quantenmechanik
Das Doppelspaltexperiment ist eines der berühmtesten Experimente der Physik und bildet die Grundlage für das Verständnis der Quantenmechanik. Es zeigt, dass Licht und Materie sowohl Teilchen- als auch Welleneigenschaften besitzen – eine fundamentale Eigenschaft der Quantenwelt. Dieses Experiment ist so wichtig, weil es dazu zwingt, die klassische Vorstellung der Realität zu überdenken. Seine Prinzipien sind essenziell für moderne Quantentechnologien, einschließlich der in letzter Zeit so viel diskutierten Quantencomputer.
Das klassische Doppelspaltexperiment: Wellenphänomene
Das klassische Doppelspalt-Experiment mit Licht ist in Bild 1 dargestellt:
- Eine Lichtquelle strahlt monochromatisches (einfarbiges) Licht auf eine Barriere mit zwei schmalen Spalten, den sogenannten „Doppelspalt“
- Hinter der Barriere befindet sich ein Schirm, auf dem das Licht aufgefangen wird

Dieses Experiment liefert die folgende Beobachtung:
- Wenn Licht durch zwei eng benachbarte Spalte läuft, bildet sich ein Interferenzmuster aus mehreren hellen und dunkle Streifen
Licht verhält sich hier wie eine Welle:
- Die Wellen breiten sich hinter den Spalten aus und überlagern sich.
- Wo Wellenberge aufeinandertreffen, verstärken sie sich (helle Streifen).
- Wenn ein Wellenberg auf ein Wellental trifft, kommt es zur Auslöschung (dunkle Streifen).
Diese Interferenz ist ein typisches Verhalten von Wellen und zeigt, dass Licht Wellennatur besitzt. Das gleiche Experiment wurde mit Elektronen durchgeführt. Klassisch betrachtet, sollten sich Elektronen wie kleine Billardkugeln verhalten: Jedes Elektron sollte durch einen der beiden Spalte gehen und zwei Streifen auf dem Schirm erzeugen. Erstaunlicherweise zeigt das Experiment jedoch ebenfalls ein Interferenzmuster – genau wie beim Licht!
Das bedeutet:
- Auch Elektronen verhalten sich wie Wellen
- Sie scheinen sich „gleichzeitig“ durch beide Spalte zu bewegen und zu interferieren
- Dies deutet darauf hin, dass Teilchen in der Quantenmechanik in einer Überlagerung (Superposition) von Zuständen existieren – sie gehen nicht entweder durch den einen oder den anderen Spalt
Der Einfluss der Messung – Der Kollaps der Wellenfunktion
Eine noch größere Überraschung tritt auf, wenn man einen Detektor an den Spalten anbringt, um zu „beobachten“, welchen Weg jeweils ein Photon oder Elektron nimmt. Dieses Experiment liefert die folgenden Ergebnisse:
- Sobald gemessen wird, durch welchen Spalt ein Teilchen geht, verschwindet das Interferenzmuster!
- Stattdessen erscheinen zwei klassische Streifen – so, als ob die Elektronen oder Photonen wieder einfache „klassische“ Teilchen wären
Schlussfolgerung:
- Die Messung verändert das Verhalten der Teilchen
- Solange nicht gemessen wird, existiert das Quantenteilchen in einer Überlagerung von Wegen (Wellencharakter).
- Sobald gemessen wird, „entscheidet“ es sich für einen Spalt (Teilchencharakter)
- Dieses Phänomen wird als „Kollaps der Wellenfunktion“ bezeichnet
Dies zeigt, dass in der Quantenwelt die Realität erst durch eine Messung festgelegt wird.
Bedeutung für die Quantenmechanik
Das Doppelspaltexperiment liefert mehrere fundamentale Einsichten:
1. Welle-Teilchen-Dualismus:
- Licht und Materie haben sowohl Welleneigenschaften als auch Teilcheneigenschaften
- Ob sie sich als Welle oder Teilchen verhalten, hängt von der Messung ab
2. Superposition:
- Ein Quantensystem kann sich gleichzeitig in mehreren Zuständen befinden
- Erst eine Messung zwingt es, sich für einen Zustand zu „entscheiden“
3. Die Rolle des Beobachters:
- In der Quantenmechanik ist der Beobachter nicht passiv, sondern beeinflusst das System aktiv
- Realität scheint nicht objektiv festzustehen, sondern durch Messung bestimmt zu werden
Quanten können also gleichzeitig mehrere Zustände einnehmen und befinden sich dann in einer sogenannten Superposition. In diesem Zustand verhalten sie sich nicht mehr wie Teilchen, sondern wie Wellen. Erst bei der Messung wird der Zustand eindeutig auf einen bestimmten Zustand festgelegt.
Die Verschränkung beschreibt eine besondere Kopplung zwischen Quanten, die unter anderem auftritt, wenn die Teilchen miteinander wechselwirken. Sie bilden dann ein Gesamtsystem, in dem die Quanten nicht mehr einzeln beschrieben werden können, sondern voneinander abhängig sind. Eine Zustandsmessung bei dem einen Quant führt dann automatisch zu einer Zustandsänderung des anderen Systems – auch, wenn sie weit voneinander entfernt sind.
Alltagsbeispiel für Superposition: Schrödingers Katze
Ein anschauliches Beispiel für das Prinzip der Superposition in der Quantenmechanik ist das Gedankenexperiment von „Schrödingers Katze“ (Bild 2), das 1935 vom Physiker Erwin Schrödinger formuliert wurde. In der gedachten Versuchsanordnung ist eine Katze in einer geschlossenen Box mit folgendem Aufbau:
- In der Box befindet sich ein radioaktives Atom, das mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten Zeit zerfallen kann
- Falls das Atom zerfällt, löst es einen Mechanismus aus, der ein Gift freisetzt und die Katze tötet
- Falls das Atom nicht zerfällt, bleibt die Katze am Leben

Da der Zerfall eines Atoms ein quantenmechanischer Prozess ist, der erst durch Messung „festgelegt“ wird, folgt daraus: Solange die Box geschlossen ist, befindet sich die Katze gleichzeitig in beiden Zuständen – sie ist sowohl lebendig als auch tot!
Diese paradoxe Situation nennt man Superposition. Das Experiment zeigt das zentrale Problem der Quantenmechanik:
- Superposition: Ein Quantensystem kann gleichzeitig in mehreren Zuständen existieren (wie die Katze „lebendig und tot“ zugleich).
- Messung verändert das System: Sobald wir die Box öffnen und nachsehen, bricht die Superposition zusammen – wir sehen entweder eine lebendige oder eine tote Katze.
Falls Schrödingers Katze zu abstrakt ist, helfen vielleicht diese Beispiele:
- Eine wichtige E-Mail kann eine gute oder schlechte Nachricht entalten
- Solange die E-Mail nicht geöffnet wird, existieren beide Möglichkeiten gleichzeitig – es könnte beides sein!
- Erst wenn die E-Mail gelesen wird (entspricht der Messung in der Quantenmechanik), „entscheidet“ sich der Zustand – man erfährt die gute oder schlechte Nachricht.
Das ist ein einfacher Vergleich für Superposition: Etwas kann in mehreren Zuständen gleichzeitig sein, bis eine Messung (oder Beobachtung) es auf einen Zustand festlegt.
Ein weiteres Analogon ist eine rotierende Münze (Bild 3). Bei einer klassischen Münze liegt entweder „Kopf“ oder „Zahl“ oben. Ein Quantenteilchen ist jedoch nicht auf einen dieser beiden Zustände beschränkt, sondern es kann in einem Überlagerungszustand gehalten werden. Eine rotierende Münze kann hier als Analogie verwendet werden:
Solange sie nach einem Wurf rotiert, kann nicht festgestellt werden, ob sie auf Kopf oder Zahl landen wird – sie wird sozusagen in einem Zustand zwischen beiden Möglichkeiten gehalten. Erst wenn die Münze ausgerollt ist, wird entschieden, ob Kopf oder Zahl gezeigt wird.

Auf ähnliche Weise wird bei einem Qubit durch eine Messung der Überlagerungszustand in einen definitiven Zustand überführt. Durch die Rotation der Münze wird veranschaulicht, dass ein Qubit nicht einfach als 0 oder 1 definiert wird, sondern beide Zustände gleichzeitig „getragen“ werden, bis eine Messung durchgeführt wird.
Relevanz für Quantencomputer
Warum sind diese Experimente wichtig für Quantencomputer?
Superposition:
- Quantencomputer nutzen sogenannte Qubits, die nicht nur die Werte 0 oder 1 annehmen, sondern gleichzeitig in beiden Zuständen sein können
- Wichtig dabei ist, dass das Prinzip der Überlagerung exponentiell anwachsende Rechenleistung ermöglicht
Quantenmessung:
- Die Messung eines Qubits verändert seinen Zustand – genau wie beim Doppelspaltexperiment
- Dies wird genutzt, um Berechnungen durchzuführen und Informationen auszulesen.
Das Doppelspaltexperiment zeigt also nicht nur eine merkwürdige Eigenschaft der Quantenwelt, sondern bildet auch die Grundlage für zukünftige Technologien.
Vom Doppelspaltexperiment zum Quantencomputer
Die Entwicklung vom Doppelspaltexperiment hin zum Quantencomputer umfasst viele wichtige Entdeckungen und Fortschritte. Im Jahr 1802 führte Thomas Young das Doppelspaltexperiment durch und zeigte damit den Wellencharakter des Lichts.
Fast 100 Jahre später legte Max Planck mit seinem Strahlungsgesetz den Grundstein der Quantenphysik, indem er die Energie quantisierte. Kurz darauf erklärte Albert Einstein den photoelektrischen Effekt und bestätigte damit die Existenz von Lichtquanten, den Photonen. Anschließend entwickelte Niels Bohr sein Atommodell mit diskreten Energieniveaus, und 1922 zeigte der Stern-Gerlach-Versuch die Quantelung des Drehimpulses.
Schließlich postulierte Louis de Broglie, dass auch Materie wellenartige Eigenschaften besitzt und Werner Heisenberg formulierte die Matrizenmechanik als erste mathematische Beschreibung der Quantenmechanik, während 1926 Erwin Schrödinger die alternative Wellenmechanik entwickelte.
In den Jahren von 1927 bis 1935 konnten Clinton Davisson und Lester Germer experimentell die Wellennatur von Elektronen nachweisen und Einstein, Podolsky und Rosen veröffentlichten das EPR-Paradoxon, das die Grundlagen für die Quantenverschränkung legte. Richard Feynman schlug dann die Idee eines Quantencomputers vor, und 1994 entwickelte Peter Shor den Shor-Algorithmus, der Quantencomputern die Faktorisierung großer Zahlen ermöglicht. Schließlich wurden 1995 die ersten experimentellen Quantencomputer mit wenigen Qubits realisiert. Zusammen zeigen diese Meilensteine den Weg von den grundlegenden Erkenntnissen der Quantenmechanik, wie dem Welle-Teilchen-Dualismus bis hin zur Entstehung der Quantencomputer.
Fazit und Ausblick
Das Doppelspaltexperiment hat unser Verständnis der Physik revolutioniert und gezeigt, dass Realität auf fundamentaler Ebene nicht so eindeutig ist, wie wir es gewohnt sind:
- Licht und Materie existieren als Welle-Teilchen-Dualität
- Quantensysteme können in Superpositionen vorliegen
- Die Messung verändert den Zustand eines Systems
Diese Prinzipien bilden die Basis für die Quantenmechanik und sind entscheidend für Quantencomputer, die wir in den kommenden Teilen der Serie näher betrachten werden.